Archiv der Kategorie Indien (Katja, Matthew)

Matthew berichtet aus Mumbai, Indien

Auf der Suche nach einer saftigen Mango

Wenn man durch Mumbais Straßen läuft, die Kleidung feucht auf der Haut klebt und man auf der Suche nach einer saftigen Mango in den nächsten Markt einbiegt, erwartet einen ein farbenfrohes Spektakel, ein anstrengendes Gewusel und die geschäftstüchtigen Gesichter von hunderten Händlern. Bekanntes und exotisches Gemüse ist geschickt gestapelt. Mangos, Bananen, Kokosnüsse und Chikus lächeln einen an und Getreide und Reis stehen in riesigen Säcken zum Verkauf. Man könnte meinen im Paradies angekommen zu sein.

Aber eigentlich ist es ja nur ein Markt. Eben ein indischer Supermarkt, der zu Recht das Präfix „super“ im Namen trägt. Und: Es ist ein Paradies, das sich Millionen von Indern nicht leisten können und dessen reichhaltiges Angebot langfristig gefährdet ist. Warum?

Indien gilt mit 1,1 Milliarden Menschen als die größte Demokratie der Welt und stellt damit etwa 17% der Weltbevölkerung dar. Und wenn die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2050 tatsächlich auf 9 Milliarden ansteigt, wird Indien sicherlich einen stattlichen Beitrag dazu leisten, auch wenn die Wachstumsraten rückläufig sind. So viele Menschen mit Nahrungsmitteln zu versorgen war, ist und wird aber eine der größten Herausforderungen für Indien bleiben. Die weltweiten ökologischen Krisen und der Klimawandel erschweren dies noch weiter.

Der Anfang September veröffentlichte Millennium Development Goals Report (pdf) enthält die neuesten Armutsdaten für Indien. Die Tatsache, dass Indien gegenüber 1990 den Anteil derer, die von weniger als $1,25 pro Tag leben, von 51% auf 42% senken konnte, stimmt zunächst positiv. Der Bericht warnt aber davor, dass die weltweit stark ansteigenden Preise für Agrarrohstoffe Millionen von Menschen wieder unter die Armutsgrenze drücken könnten. Denn Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern, die einen Großteil ihres Einkommens für den Kauf von Nahrungsmitteln aufwenden, sind von diesen Preisanstiegen besonders stark betroffen.

Aber auch in Industrieländern führt der starke Anstieg der Nahrungsmittelpreise in diesem Jahr zu teilweise bizarren Konsequenzen. Ende August haben in England die ersten Filialen von Supermarktketten Nahrungsmittel, wie z.B. Bio-Fleisch, mit elektronischen Sicherheitsetiketten versehen, weil auf Grund der höheren Preise eine Zunahme der Diebstähle zu verzeichnen war.

Derweil gehen Länder wie Saudi-Arabien international auf Einkaufstour und kaufen im Mittleren Osten, in Asien und Afrika fruchtbare Agrarflächen. Die Vereinigten Arabischen Emirate, die letztes Jahr 85% ihrer Nahrungsmittel importiert haben, tun es ihnen gleich. Und obwohl circa 60% der indischen Bevölkerung im landwirtschaftlichen Sektor tätig ist und Indien sehr viel fruchtbare Ackerfläche besitzt, hat die indische Regierung, gemeinsam mit mehreren indischen Unternehmen nun ähnliche Pläne veröffentlicht. In den Nachbarstaaten und so fernen Ländern wie Paraguay möchte Indien landwirtschaftlich nutzbare Flächen erwerben, um die langfristige Ernährungssicherheit der Bevölkerung sicherzustellen.

Und wie genau hängen jetzt eigentlich die globalen Preisanstiege, mit dem englischen Bio-Huhn mit Sicherheitsetikett und dem Hunger der Armen in Indien zusammen?

Das sind komplizierte Fragen und auch wenn es darauf keine einfache Antwort gibt, wird klar, dass sie zusammenhängen. Die Abhängigkeiten und Wirkungsketten zwischen den verschiedenen Ebenen unseres Handels sind längst nicht mehr einfach nachzuvollziehen. Und wer es wagt, unbequeme Fragen zu stellen, wird selten mit einer befriedigenden, unkomplizierten Antwort belohnt. Bin ich mit meinem Fleischkonsum mitverantwortlich für den Klimawandel? Ist es jetzt wirklich besser Fairtrade Produkte aus Indien zu kaufen oder greift man lieber zu konventionellen Produkten vom deutschen Bauern nebenan?

Die Suche nach nachhaltigeren Produktions- und Lebensweisen erfordert überall auf der Welt unterschiedliche Lösungsstrategien. In den Städten andere, als auf dem Land und in den Industrieländern andere, als in den Entwicklungsländern. Aber auch wenn die Probleme noch so abstrakt erscheinen, vor allem erfordern sie von jedem von uns konkrete Handlungen. Das Tolle daran ist, dass wir alle unseren Beitrag dazu leisten können, egal wer und egal wo wir sind. Aber es wird keine leichte Reise.

Wenn wir sie gemeinsam unternehmen wird sie vielleicht einfacher. Anstrengender als meine Suche nach der nächsten saftigen Mango wird sie auf jeden Fall.

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Matthew McDermott (pdf) arbeitet im Rahmen seiner Teilnahme am Young Leader for Sustainability Programms 2008 im Projekt “Analyse von Lieferketten in Bezug auf soziale und ökologische Aspekte” für Ernst & Young in Stuttgart, Deutschland und Mumbai, Indien.

Katja berichtet aus Mumbai, Indien

Mumbai – Aufgaben für eine nachhaltige Stadtentwicklung

Hupende Autos, chaotischer Verkehr - ich halte mich krampfhaft am Türgriff fest und hoffe nur, dass die Bremsen des Taxis gut funktionieren. Jede noch so kleine Lücke wird ausgenutzt und es gilt scheinbar das für uns „Rechts-vor-links-Vorfahrtsschilder-geprägten“ Menschen unvorstellbare Recht des Stärkeren oder Mutigeren auf der Straße. Menschenmassen strömen aus einer Unterführung auf den Bahnhof zu. Ein Queren dieser Flut scheint unmöglich. Die Stadt ist groß, voll, laut und unglaublich schnell.

Wie ist hier eine nachhaltige Stadtentwicklung vorstellbar? Welche Ansatzpunkte sind entscheidend? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der nachfolgende Beitrag.

„Im Jahre 1975 waren nur 38% aller Menschen Stadtbewohner. 2008 lebt mehr als die Hälfte der Menschheit in Städten, voraussichtlich im Jahr 2030 werden es zwei Drittel sein. Diese Umschichtung und Verdichtung der Menschheit ist historisch ohne Beispiel. Sie vollzieht sich mit einer Geschwindigkeit (zurzeit wachsen die Städte der Welt jährlich um 60 Mio. Bewohner), welche die Strategie- und Innovationsfähigkeit von Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft auf eine harte Probe stellt. An der Spitze dieser Entwicklung stehen so genannte Megastädte mit mehr als 10 Mio. Einwohnern. Ihre Zahl wird von nur fünf im Jahr 1975 auf voraussichtlich 26 im Jahr 2015 wachsen, davon 22 in Entwicklungsländern.“ (Quelle: Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e. V. (DLR), Projektträger im DLR: Umwelt, Kultur, Nachhaltigkeit)

Schon der Brundtland-Bericht von 1982, welcher allgemein als Grundlage unseres Nachhaltigkeitsverständnisses gilt, widmete ein Kapitel der „urbanen Herausforderung“ und nannte Megastädte als einen der sechs zentralen Trends, die für die gemeinsame Zukunft der Menschheit entscheidend sein werden.

Megastädte, wie Mumbai in Indien, sind Brennpunkte der nachhaltigen Entwicklung, da sich hier Menschen-, Ressourcen-, Waren- und Kapitalströme verdichten und so Nachhaltigkeitsprobleme häufig geballt auftreten.

Mumbai, im Süden durch Wasser begrenzt, weitet sich immer weiter in den Norden aus. Die Mumbai Metropolitan Area umfasst ca. 4,355 km². Der Flächenverbrauch im Umland der Kernstadt ist wie auch der Ressourcenverbrauch durch die täglich pendelnden Bewohner der Vororte enorm. Der Pendlerstrom in Nord-Süd-Richtung überfordert täglich zweimal den Straßen- und Schienenverkehr. Mobilität stellt also einen wichtigen Ansatzpunkt für nachhaltige Entwicklung dar. Hier spielt auch der Umweltaspekt eine große Rolle. Die Luft ist durch das hohe Verkehrsauskommen stark belastet und durch die stetige Ausbreitung der Stadt nach Norden kommt es zur steigenden Versiegelung von Freiflächen
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Ein weiteres Handlungsfeld ist die Verbesserung der Wohnsituation. Mumbai beherbergt den größten Slum ganz Asiens. 2001 lebten fast 50% aller Einwohner in ebensolchen Gebieten. Die Wachstumsrate der Slumgebiete steigt durch die enormen Kosten für den knappen legalen Wohnraum im Stadtgebiet stark. Auf Grund der Illegalität des Wohnraums, sind viele der Bewohner nicht an Sanitäreinrichtungen, Wasser- und Stromversorgung angeschlossen.

Ein Problem ist auch die nachhaltige Verwertung und Beseitigung von Abfällen. Um in Richtung einer umweltfreundlichen Lösung des Abfallproblems zu steuern, müssen alternative Möglichkeiten zur Deponierung erkannt und angewandt werden.

Dies alles ist nur ein kurzer Einblick in die Aspekte, die im Zuge einer nachhaltigen Stadtentwicklung beachtet werden müssen. Zu nennen sind zusätzlich die Einbeziehung von Gendergesichtspunkten, Zugang zu Bildung, effiziente Zuständigkeitsverteilung in den Bereichen Planung, Verwaltung und Finanzierung der Stadt und schließlich die Schaffung von Partizipationsmöglichkeiten der Einwohner an Entscheidungsprozessen.

Nach all den genannten Herausforderungen ist es ermutigend, dass trotz allem in Megastädten nachhaltige Trends- und Lebensmuster Fuß fassen, indem u. a. die Lebenserwartung, der Bildungsgrad und das Gesundheitsniveau der Bürger steigen bzw. deutlich über dem der ländlichen Gebiete des gleichen Landes liegen. Städte bieten wichtige Funktionen, wie Warenaustausch, Arbeitsplätze und Bildungsmöglichkeiten für ihr Umland. Andererseits ist die Stadtbevölkerung bei ihrer Nahrungsversorgung auf die regionale Landwirtschaft angewiesen. Nachhaltige Urbanisierung muss folglich auch die Umgebung mit einbeziehen und eine ausgeglichene Symbiose zwischen ländlichen und städtischen Gebieten schaffen.

Norbert Aschenbrenner zeigt in seinem Beitrag “Die grüne Hoffnung” (pdf) ein mögliches Lösungsszenario für ein nachhaltiges Mumbai auf, welches Mut macht positiv in die Zukunft zu blicken.

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Katja Goertz (pdf) arbeitet im Rahmen ihrer Teilnahme am Young Leader for Sustainability Programms 2008 im Projekt “Analyse von Lieferketten in Bezug auf soziale und ökologische Aspekte” für Ernst & Young in Stuttgart, Deutschland und Mumbai, Indien.

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