Archive für 25.9.2008

Inga berichtet aus Kapstadt, Südafrika

Es regnet dicke Fäden. Meine Unterschenkel sind bereits nach wenigen Minuten völlig durchnässt. Ich ziehe meine Kapuze tiefer in das Gesicht. Es ist ein Samstag in Kapstadt und die so genannte „City Bowl“ ist trotz des Unwetters sehr belebt. Vor einigen Jahren bestand noch die Befürchtung, die Stadtmitte würde „austrocknen“. Daraufhin gründete sich der „Cape Town Partnership“ mit dem Ziel, das Stadtzentrum zu entwickeln, zu managen und zu bewerben, um Investoren anzuziehen. Der Erfolg der Initiative ist sogar an diesem tristen Wintertag deutlich sichtbar. Die City Bowl am Fuße des vernebelten Tafelberges ist voller Menschen, die kaufen und verkaufen. Allerdings sind nicht nur Handeltreibende unterwegs. Unter die Vordächer der Ladenzeilen pressen sich gemischte Menschentrauben: Neben die Hausfrau mit Pick’n Pay-Tasche zwängt sich ein hipper Jugendlicher mit Goldkettchen genauso wie ein alter Mann mit Wolldecke um die Schultern und einer Plastiktüte auf dem Kopf - so stehen wir neben einer überdimensionalen Woolworths-Reklame und warten alle gemeinsam darauf, dass der Regen schwächer wird. Mir erscheint diese Szene absurd, denn die Kontraste sind so stark - hier prallen tatsächlich Welten aufeinander.

In Europa steht Nachhaltigkeit bereits seit längerer Zeit auf der Agenda multinationaler Unternehmen wie Woolworths. Doch welchen Stellenwert nimmt das Thema in Südafrika ein? Verlässt man die pulsierende City Bowl stadtauswärts, wandelt sich das Bild und man erblickt heruntergekommene Vorortsiedlungen, die entlang der Autobahn schließlich nahtlos in Langa, Nyanga und all die anderen Wellblechsiedlungen übergehen. Die Spuren der Apartheid werden besonders in den Townships allzu deutlich sichtbar. Ein Teil der südafrikanischen Gesellschaft lebt hier selbst über zehn Jahre nach dem offiziellen Ende der Apartheid immer noch in einer Spirale aus Armut und Machtlosigkeit. Ebenso wie die Gesellschaftsstruktur ist auch der südafrikanische Markt fragmentiert und von Extremen geprägt.
Entwicklung an sich ist kritisch – wie kann sie nachhaltig gestaltet werden?

Die Liste der Herausforderungen in Südafrika ist lang: Armut, hohe Arbeitslosigkeit, bedrohte Existenzgrundlagen, zu wenige Häuser, unzureichende Versorgung mit grundlegender Infrastruktur (beispielsweise mit sanitären Anlagen), unkontrollierte Verstädterung, die Ausbreitung von HIV/Aids, Umweltverschmutzung - diese Aufzählung ließe sich fortsetzen. Als sich in den ersten Jahren nach dem Ende der Apartheid die junge Demokratie auf Richtungssuche befand, waren viele Unternehmen nervös, denn sie befürchteten radikale wirtschaftliche Veränderungen. Man war dazu gezwungen neue Prioritäten zu setzen. Allerdings bestanden Unsicherheiten darüber, bis zu welchem Grad Transformationen erforderlich seien. Insbesondere große Industrieanlagen hatten während der Apartheid schwere Umweltschäden angerichtet und die Gesundheit der meist schwarzen Arbeiterschaft in Mitleidenschaft gezogen. Viele von ihnen lebten in unmittelbarer Nähe ihrer Arbeitsstätte und litten nicht nur unter schlechten Arbeitsbedingungen, sondern waren ebenso von Umweltverschmutzung betroffen.
Noch heute sind Umweltauflagen nur schwer durchsetzbar, was teilweise daran liegt, dass Regulierungen fragmentiert sind und es zur Umsetzung bestehender Gesetzgebung an Kapazität fehlt. Viele Unternehmen wissen das und vertrauen darauf.
Auf der anderen Seite stehen Nachhaltigkeitspioniere in Südafrika vor der Herausforderung, Managementsysteme zu etablieren, die die sich teilweise überlappenden Elemente nachhaltiger Entwicklung effektiv koordinieren.

Ein Blick auf die Liste der Herausforderungen lässt auch erahnen, dass die Bekämpfung eines Problems die Gefahr birgt, ein anderes zu verschlimmern.
Der Manager einer großen Bergbaugesellschaft fragte vor einigen Jahren: „We have a mine that cannot pay for environmental standards but provides 6000 jobs - what do you do, close it down? “
Über ein ähnliches Dilemma berichtete vor drei Wochen ein Artikel in der Wochenzeitung Mail&Guardian. Eine große Bäckerei warb damit, dass sie von nun an ihre Produkte in biologisch abbaubaren Plastiktüten vertreiben werde. Angesichts der Müllansammlungen, insbesondere neben und in den Townships, ist diese Entwicklung zu begrüßen. Die Recyclingindustrie und die Gewerkschaften protestierten allerdings heftig gegen diese Neuheit, denn sie befürchteten den Verlust zahlreicher Arbeitsplätze - ein Dilemma, das es zu lösen gilt.
Gerade im Hinblick auf Umweltbelange ist Nachhaltigkeit in Südafrika kompliziert. Ein weiteres Beispiel ist der jüngst selbst in Europa in die Schlagzeilen geratene Energieriese Eskom, der weiterhin Kohle niedrigster Qualität verbrennt, um daraus erschwinglichen Strom zu gewinnen. Vergeblich sucht man hier nach „grünem Strom“, obwohl das Potential gerade für die Nutzung von Wind-, Wasser- oder Solarkraft so groß ist.

Eine gute Nachricht überbrachte mir vor kurzem der Manager eines kleinen Startups: In den Townships gibt es nächtliche Straßenbeleuchtung und zwar aus Energiesparlampen! Er muss es wissen, denn er hat die Birnen importiert. Ich frage ihn, warum Entwicklung in Afrika nicht vermehrt nachhaltig gestaltet wird und hätte mir die Antwort denken können - Entwicklung ist teuer und nachhaltige Entwicklung ist noch teurer.

Allerdings gibt es auch gelungene Beispiele, wie die „Business against Crime“ Initiative, in der sich zahlreiche Unternehmen zusammengeschlossen haben, um der unterbezahlten und schlecht ausgebildeten südafrikanischen Polizei zusätzliche Ressourcen zur Verfügung zu stellen.
Nachhaltige Entwicklung basiert auf Sicherheit und eine derartige Initiative investiert in diese Vision.
Kleine, langsam Früchte tragende Erfolgsgeschichten stecken auch in dem Engagement vieler - zumeist größerer - Unternehmen rund um HIV/Aids. Nachdem der Staat in diesem Feld versagt hat - man denke an Zumas Hinweise zu Duschverhalten und Tshabalalas Knoblauchtipps - investieren Unternehmen weiterhin in die Aufklärung und Behandlung ihrer Mitarbeiter sowie angeschlossener sozialer Netzwerke. Unternehmerischer Eigennutz verbindet sich hier gewinnbringend mit Belangen nachhaltiger Entwicklung - ein Modell mit Zukunft!

Zurück in Kapstadt stehe ich auf einer Verkehrsinsel vor dem Groote Schuur Krankenhaus, jener Institution in der die weltweit erste Herztransplantation stattgefunden hat. Ich bin in die Rush Hour geraten und auf der Hauptverkehrsader herrscht Chaos. Minibusse umfahren in waghalsigen Manövern jedes Hindernis, das ihnen den Weg versperrt. Auf der Straße werden die bereits erwähnten Kontraste sichtbar, denn hinter dem vorbei schleichenden, überladenen Golden Arrow Bus drängt sich das neuste Modell des VW Polo. So manches Gefährt klappert, schnauft oder rußt und wäre in Deutschland niemals durch den TÜV gekommen. Hier herrscht ein anderer Grundsatz: Hauptsache, es fährt - nicht Zeit, sondern Mobilität ist Geld und damit häufig entscheidend für das Überleben. Die graue Wolke aus dem Auspuff des Golden Arrow Bus steht dafür, was in Europa seit längerem gepredigt wird: Wir können nicht mehr warten! Doch wenn ich das Treiben betrachte, wird mir leider klar, dass es utopisch wäre, morgen ein globales Plakettensystem einzuführen. Golden Arrow dürfte sich dann nicht mehr in der Stadt bewegen und ihm gleich verschwänden viele andere Fahrzeuge ebenso wie lauter Menschen, die von diesen billigen, dreckigen und teilweise unsicheren Transportmöglichkeiten abhängig sind. Es blieben nur noch grün plakettierte VW Polos übrig.

Mir fällt das Fazit eines Artikels ein, auf den ich vor kurzem gestoßen bin: „Poverty must be seen as being among southern Africa´s top environmental issues because without attention to human wellbeing, desperate humans will impact their environment simply in order to survive.”

Nachhaltige Entwicklung in Südafrika ist unerlässlich und möglich, vereinzelte Beispiele zeigen dieses. Allerdings brauchen derartige Veränderungen Zeit und im Vergleich zu Europa andere, an die Gegebenheiten angepasste Umsetzungskonzepte.

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Inga Schlamann (pdf) arbeitet im Rahmen ihrer Teilnahme am Young Leader for Sustainability Programms 2008 im Projekt “Analyse von Multi-Stakeholder-Partnerschaften” für Collective Leadership Institute e.V. in Berlin, Deutschland und Kapstadt, Südafrika.

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