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18.9.2008 von admin.
Auf der Suche nach einer saftigen Mango
Wenn man durch Mumbais Straßen läuft, die Kleidung feucht auf der Haut klebt und man auf der Suche nach einer saftigen Mango in den nächsten Markt einbiegt, erwartet einen ein farbenfrohes Spektakel, ein anstrengendes Gewusel und die geschäftstüchtigen Gesichter von hunderten Händlern. Bekanntes und exotisches Gemüse ist geschickt gestapelt. Mangos, Bananen, Kokosnüsse und Chikus lächeln einen an und Getreide und Reis stehen in riesigen Säcken zum Verkauf. Man könnte meinen im Paradies angekommen zu sein.
Aber eigentlich ist es ja nur ein Markt. Eben ein indischer Supermarkt, der zu Recht das Präfix „super“ im Namen trägt. Und: Es ist ein Paradies, das sich Millionen von Indern nicht leisten können und dessen reichhaltiges Angebot langfristig gefährdet ist. Warum?
Indien gilt mit 1,1 Milliarden Menschen als die größte Demokratie der Welt und stellt damit etwa 17% der Weltbevölkerung dar. Und wenn die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2050 tatsächlich auf 9 Milliarden ansteigt, wird Indien sicherlich einen stattlichen Beitrag dazu leisten, auch wenn die Wachstumsraten rückläufig sind. So viele Menschen mit Nahrungsmitteln zu versorgen war, ist und wird aber eine der größten Herausforderungen für Indien bleiben. Die weltweiten ökologischen Krisen und der Klimawandel erschweren dies noch weiter.
Der Anfang September veröffentlichte Millennium Development Goals Report (pdf) enthält die neuesten Armutsdaten für Indien. Die Tatsache, dass Indien gegenüber 1990 den Anteil derer, die von weniger als $1,25 pro Tag leben, von 51% auf 42% senken konnte, stimmt zunächst positiv. Der Bericht warnt aber davor, dass die weltweit stark ansteigenden Preise für Agrarrohstoffe Millionen von Menschen wieder unter die Armutsgrenze drücken könnten. Denn Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern, die einen Großteil ihres Einkommens für den Kauf von Nahrungsmitteln aufwenden, sind von diesen Preisanstiegen besonders stark betroffen.
Aber auch in Industrieländern führt der starke Anstieg der Nahrungsmittelpreise in diesem Jahr zu teilweise bizarren Konsequenzen. Ende August haben in England die ersten Filialen von Supermarktketten Nahrungsmittel, wie z.B. Bio-Fleisch, mit elektronischen Sicherheitsetiketten versehen, weil auf Grund der höheren Preise eine Zunahme der Diebstähle zu verzeichnen war.
Derweil gehen Länder wie Saudi-Arabien international auf Einkaufstour und kaufen im Mittleren Osten, in Asien und Afrika fruchtbare Agrarflächen. Die Vereinigten Arabischen Emirate, die letztes Jahr 85% ihrer Nahrungsmittel importiert haben, tun es ihnen gleich. Und obwohl circa 60% der indischen Bevölkerung im landwirtschaftlichen Sektor tätig ist und Indien sehr viel fruchtbare Ackerfläche besitzt, hat die indische Regierung, gemeinsam mit mehreren indischen Unternehmen nun ähnliche Pläne veröffentlicht. In den Nachbarstaaten und so fernen Ländern wie Paraguay möchte Indien landwirtschaftlich nutzbare Flächen erwerben, um die langfristige Ernährungssicherheit der Bevölkerung sicherzustellen.
Und wie genau hängen jetzt eigentlich die globalen Preisanstiege, mit dem englischen Bio-Huhn mit Sicherheitsetikett und dem Hunger der Armen in Indien zusammen?
Das sind komplizierte Fragen und auch wenn es darauf keine einfache Antwort gibt, wird klar, dass sie zusammenhängen. Die Abhängigkeiten und Wirkungsketten zwischen den verschiedenen Ebenen unseres Handels sind längst nicht mehr einfach nachzuvollziehen. Und wer es wagt, unbequeme Fragen zu stellen, wird selten mit einer befriedigenden, unkomplizierten Antwort belohnt. Bin ich mit meinem Fleischkonsum mitverantwortlich für den Klimawandel? Ist es jetzt wirklich besser Fairtrade Produkte aus Indien zu kaufen oder greift man lieber zu konventionellen Produkten vom deutschen Bauern nebenan?
Die Suche nach nachhaltigeren Produktions- und Lebensweisen erfordert überall auf der Welt unterschiedliche Lösungsstrategien. In den Städten andere, als auf dem Land und in den Industrieländern andere, als in den Entwicklungsländern. Aber auch wenn die Probleme noch so abstrakt erscheinen, vor allem erfordern sie von jedem von uns konkrete Handlungen. Das Tolle daran ist, dass wir alle unseren Beitrag dazu leisten können, egal wer und egal wo wir sind. Aber es wird keine leichte Reise.
Wenn wir sie gemeinsam unternehmen wird sie vielleicht einfacher. Anstrengender als meine Suche nach der nächsten saftigen Mango wird sie auf jeden Fall.
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Matthew McDermott (pdf) arbeitet im Rahmen seiner Teilnahme am Young Leader for Sustainability Programms 2008 im Projekt “Analyse von Lieferketten in Bezug auf soziale und ökologische Aspekte” für Ernst & Young in Stuttgart, Deutschland und Mumbai, Indien.
Geschrieben in Indien (Katja, Matthew) | 1 Kommentar »