Archive für 29.8.2008

Katja berichtet aus Mumbai, Indien

Mumbai – Aufgaben für eine nachhaltige Stadtentwicklung

Hupende Autos, chaotischer Verkehr - ich halte mich krampfhaft am Türgriff fest und hoffe nur, dass die Bremsen des Taxis gut funktionieren. Jede noch so kleine Lücke wird ausgenutzt und es gilt scheinbar das für uns „Rechts-vor-links-Vorfahrtsschilder-geprägten“ Menschen unvorstellbare Recht des Stärkeren oder Mutigeren auf der Straße. Menschenmassen strömen aus einer Unterführung auf den Bahnhof zu. Ein Queren dieser Flut scheint unmöglich. Die Stadt ist groß, voll, laut und unglaublich schnell.

Wie ist hier eine nachhaltige Stadtentwicklung vorstellbar? Welche Ansatzpunkte sind entscheidend? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der nachfolgende Beitrag.

„Im Jahre 1975 waren nur 38% aller Menschen Stadtbewohner. 2008 lebt mehr als die Hälfte der Menschheit in Städten, voraussichtlich im Jahr 2030 werden es zwei Drittel sein. Diese Umschichtung und Verdichtung der Menschheit ist historisch ohne Beispiel. Sie vollzieht sich mit einer Geschwindigkeit (zurzeit wachsen die Städte der Welt jährlich um 60 Mio. Bewohner), welche die Strategie- und Innovationsfähigkeit von Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft auf eine harte Probe stellt. An der Spitze dieser Entwicklung stehen so genannte Megastädte mit mehr als 10 Mio. Einwohnern. Ihre Zahl wird von nur fünf im Jahr 1975 auf voraussichtlich 26 im Jahr 2015 wachsen, davon 22 in Entwicklungsländern.“ (Quelle: Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e. V. (DLR), Projektträger im DLR: Umwelt, Kultur, Nachhaltigkeit)

Schon der Brundtland-Bericht von 1982, welcher allgemein als Grundlage unseres Nachhaltigkeitsverständnisses gilt, widmete ein Kapitel der „urbanen Herausforderung“ und nannte Megastädte als einen der sechs zentralen Trends, die für die gemeinsame Zukunft der Menschheit entscheidend sein werden.

Megastädte, wie Mumbai in Indien, sind Brennpunkte der nachhaltigen Entwicklung, da sich hier Menschen-, Ressourcen-, Waren- und Kapitalströme verdichten und so Nachhaltigkeitsprobleme häufig geballt auftreten.

Mumbai, im Süden durch Wasser begrenzt, weitet sich immer weiter in den Norden aus. Die Mumbai Metropolitan Area umfasst ca. 4,355 km². Der Flächenverbrauch im Umland der Kernstadt ist wie auch der Ressourcenverbrauch durch die täglich pendelnden Bewohner der Vororte enorm. Der Pendlerstrom in Nord-Süd-Richtung überfordert täglich zweimal den Straßen- und Schienenverkehr. Mobilität stellt also einen wichtigen Ansatzpunkt für nachhaltige Entwicklung dar. Hier spielt auch der Umweltaspekt eine große Rolle. Die Luft ist durch das hohe Verkehrsauskommen stark belastet und durch die stetige Ausbreitung der Stadt nach Norden kommt es zur steigenden Versiegelung von Freiflächen
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Ein weiteres Handlungsfeld ist die Verbesserung der Wohnsituation. Mumbai beherbergt den größten Slum ganz Asiens. 2001 lebten fast 50% aller Einwohner in ebensolchen Gebieten. Die Wachstumsrate der Slumgebiete steigt durch die enormen Kosten für den knappen legalen Wohnraum im Stadtgebiet stark. Auf Grund der Illegalität des Wohnraums, sind viele der Bewohner nicht an Sanitäreinrichtungen, Wasser- und Stromversorgung angeschlossen.

Ein Problem ist auch die nachhaltige Verwertung und Beseitigung von Abfällen. Um in Richtung einer umweltfreundlichen Lösung des Abfallproblems zu steuern, müssen alternative Möglichkeiten zur Deponierung erkannt und angewandt werden.

Dies alles ist nur ein kurzer Einblick in die Aspekte, die im Zuge einer nachhaltigen Stadtentwicklung beachtet werden müssen. Zu nennen sind zusätzlich die Einbeziehung von Gendergesichtspunkten, Zugang zu Bildung, effiziente Zuständigkeitsverteilung in den Bereichen Planung, Verwaltung und Finanzierung der Stadt und schließlich die Schaffung von Partizipationsmöglichkeiten der Einwohner an Entscheidungsprozessen.

Nach all den genannten Herausforderungen ist es ermutigend, dass trotz allem in Megastädten nachhaltige Trends- und Lebensmuster Fuß fassen, indem u. a. die Lebenserwartung, der Bildungsgrad und das Gesundheitsniveau der Bürger steigen bzw. deutlich über dem der ländlichen Gebiete des gleichen Landes liegen. Städte bieten wichtige Funktionen, wie Warenaustausch, Arbeitsplätze und Bildungsmöglichkeiten für ihr Umland. Andererseits ist die Stadtbevölkerung bei ihrer Nahrungsversorgung auf die regionale Landwirtschaft angewiesen. Nachhaltige Urbanisierung muss folglich auch die Umgebung mit einbeziehen und eine ausgeglichene Symbiose zwischen ländlichen und städtischen Gebieten schaffen.

Norbert Aschenbrenner zeigt in seinem Beitrag “Die grüne Hoffnung” (pdf) ein mögliches Lösungsszenario für ein nachhaltiges Mumbai auf, welches Mut macht positiv in die Zukunft zu blicken.

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Katja Goertz (pdf) arbeitet im Rahmen ihrer Teilnahme am Young Leader for Sustainability Programms 2008 im Projekt “Analyse von Lieferketten in Bezug auf soziale und ökologische Aspekte” für Ernst & Young in Stuttgart, Deutschland und Mumbai, Indien.

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